Seo Sunday – Der gläserne Random Surfer
Wie einigen bekannt sein dürfte, stützt sich ein wesentlicher Bestandteil des Google-Rankings auf das sogenannte Random-Surfer-Modell. Es beantwortet die Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein zufällig ausgewählter Datenreisender, der immer nur zufällig irgendeinen Link anklickt, auf meine Website gelangt? Damit die ganze Linkzählerei nicht in der Unendlichkeit verläuft, wird dabei unterstellt, dass die Neigung des Nutzers einen Link anzuklicken mit der Zeit abnimmt. So ergibt sich der Wert eines Links zum einen aus der Anzahl der ausgehenden Links einer Seite (egal ob Follow oder NoFollow) und zum anderen aus der Anzahl der Links, die auf die Ausgangsseite verweisen.
In Zeiten des SocialWeb wird dieses Modell allerdings zunehmend verwässert. Denn während ursprünglich tatsächlich von einer gewissen Zufälligkeit in der Klickstruktur ausgegangen werden konnte (Surfen = zufällig von einer Welle zur nächsten gespült werden), spielt der soziale Kontext des Nutzers eine immer größere Rolle bei der Filterung der unüberschaubaren Informationsflut.
Das Web in seiner Ursprungsform war ein Geek-Spielplatz. Aber so richtig anfangen konnte man damit nicht wirklich etwas. Das änderte sich erst nach dem Platzen der Dotcom-Blase, die übrigens diesen Monat ihr zehnjähriges Jubiläum feiert.
Das Web ist erwachsen und sozial geworden und dieser Umstand bringt neue Gefahren und Chancen mit sich. Aber auch neue Erfordernisse. Die Keyword-Basierte Suche wird sterben. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber mit Sicherheit innerhalb der nächsten Jahre. Daran wird auch die 500. Seo-Toolbox nichts ändern. Was bleibt ist der Random-Surfer. Aber auch er verändert allmählich seine Gestalt. Die Art, wie das Web heute genutzt wird, sei es als Arbeitsmittel oder Unterhaltungsmedium, macht neue Filtersysteme erforderlich. Denn das was derzeit so landläufig als Informationsflut bezeichnet wird, entwickelt sich allmählich zum Informations-Tsunami. Woran sollen wir erkennen, ob eine Information wichtig und nützlich ist, oder einfach nur wieder eine erweiterte Form der digitalen Umweltverschmutzung darstellt? Im wirklichen Leben ist unser sozialer Kontext dafür von entscheidender Bedeutung. Die Menschen die uns kennen, lassen uns in der Regel die nützlichen oder interessanten Informationen zukommen (Wer mit wem und warum, das Wetter an unserem nächsten Urlaubsort, Innovationen bei unserem Lieblingshobby, etc.)
Unterhalte ich mich mit jemandem über Suchmaschinenoptimierung, verrät er mir seine Ansichten oder Neuentdeckungen in diesem Bereich. Doch wie soll eine klassische Suchmaschine das abbilden, die ich eben nur nach “Suchmaschinenoptimierung” befragen kann?
Ganz einfach: in dem sie uns kennen lernt. Die von Google vorangetriebene und von Datenschützern kritisierte Protokollierung sämtlicher Suchaktivitäten der Nutzer, stellt vor diesem Hintergrund nicht nur die Vergrößerung einer gigantischen Datensammlung dar, sondern eine Notwendigkeit. Die Berücksichtigung der besuchten Websites, der Kaufgewohnheiten, des Geschlechts und Einkommens, der Freunde und Geschäftskontakte muss nicht der Identifizierung eines Nutzers dienen. Diese ist auch eigentlich nicht wirklich hilfreich. Viel interessanter als die Person selbst, ist deren Hintergrund. Im Idealfall weiß die Suchmaschine schon was wir wollen, bevor wir es selbst ausdrücken können. Dafür ist aber eine nahezu unendliche Menge von Informationen erforderlich.Und genau deshalb muss Google all diese kleinen und praktischen Services verschenken:
Um uns besser kennenzulernen. Und genau deswegen ist es nur konsequent die riesigen Datenmengen aus den vielen Google-Quellen zusammenzuführen und auszuwerten. Google kann gar nicht anders, denn das Kerngeschäft lautet: Besser finden als alle anderen. Das wird auf Dauer nur funktionieren, wenn die Maschine weiß, welchen Hintergrund der Suchende hat und die Ergebnisse qualifiziert individualisiert.
Oder würden Sie Ihrer Frau das Thema Suchmaschinenoptimierung auf die gleiche Weise näherbringen, wie Ihren Kollegen?


richard b. Schrieb am
22. März, 2010 @ 14:31
schöner artikel, hat mir sehr gut gefallen. ich teile deine einschätzung zu 100%.
Holger Schrieb am
22. März, 2010 @ 16:00
Wirklich ein sehr guter Artikel und eine interessante Ansicht, der ich zu 100% zustimme.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles so schlimm ist, was die Datenschützer da immer behaupten. Was sollte denn im schlimmsten Fall passieren können, wenn google weiß, dass ich beispielsweise Fußballfan bin. Sowas kann mir doch nur zu Gute kommen, wenn zB dadurch Suchergebnisse optimiert werden.
Ich mein, wenn ich im richtigen Leben irgendwo unterwegs bin, kann auch jeder sehen, wann ich wo war.
Jakob Zogalla Schrieb am
23. März, 2010 @ 12:16
@Holger Das Problem tritt dann auf, wenn jemand an die Daten kommt, den es nichts angeht. Angenommen Google ist mein Freund und ich bin einverstanden, dass die meine Daten haben.
Dann lässt sich daraus nicht folgern, dass ich auch einverstanden damit wäre, dass jemand anderes oder auch nur irgendein Mensch diese Daten hat. Googles Server sind für mich ein unpersönliches Werkzeug. Anders sieht es aus, wenn der Lebenspartner, Freunde, Verwandte rausfinden was man im Web so treibt.
“Verletzt” ein Computer meine Privatssphäre kann ich damit leben. Tut dies ein Mensch, weil er auf diesen Computer zugreifen kann, sieht die Sache ganz anders aus. Das wird allerdings in der Debatte um den Datenschutz ständig verwechselt.
Jasmin Schrieb am
23. März, 2010 @ 13:37
Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel!
Er drückt genau das aus, was ich immer vesuche zu erklären, wenn die Leute fragen, warum ich trotz der datenschutzrechtlichen Kritiken meinen Haupt-Mailaccount bei Google habe.
Sebastian Schneider Schrieb am
27. März, 2010 @ 21:01
der Artikel gefällt mir auch sehr gut. Man sieht doch sehr schön, dass Semantik ein Hauptbestandteil der “Web3.0″ sein wird…und ich denke Google ist der einzige der das aktuell einläuten kann.